Ausstellung im Tim: Kleiderschrank der Nachkriegszeit und jungen Bundesrepublik

Eine Sonderausstellung über den textilen Nachlass des Schriftstellers Arno Schmidt und dessen Ehefrau Alice zeigt das Textil- und Industriemuseum Augsburg. (Foto: Jochen Voos molitor)
Eine Sonderausstellung über den textilen Nachlass des Schriftstellers Arno Schmidt und dessen Ehefrau Alice zeigt das Textil- und Industriemuseum Augsburg. (Foto: Jochen Voos molitor)
Eine Sonderausstellung über den textilen Nachlass des Schriftstellers Arno Schmidt und dessen Ehefrau Alice zeigt das Textil- und Industriemuseum Augsburg. (Foto: Jochen Voos molitor)
Eine Sonderausstellung über den textilen Nachlass des Schriftstellers Arno Schmidt und dessen Ehefrau Alice zeigt das Textil- und Industriemuseum Augsburg. (Foto: Jochen Voos molitor)
Eine Sonderausstellung über den textilen Nachlass des Schriftstellers Arno Schmidt und dessen Ehefrau Alice zeigt das Textil- und Industriemuseum Augsburg. (Foto: Jochen Voos molitor)

Eigenwillig war er, für einige gilt er gar als größter Sonderling der deutschen Nachkriegsliteratur: Der Schriftsteller Arno Schmidt ging überdies mit seiner Kleidung in besonderer Art und Weise um. Das Staatliche Textil- und Industriemuseum Augsburg (Tim) zeigt derzeit den textilen Nachlass von Arno und Alice Schmidt. Die Sonderausstellung präsentiert Kleidungsstücke aus den späten 1930er Jahren bis in die frühen 1980er Jahre.

Das Ehepaar, das nach Flucht und Vertreibung 1958 eine neue Heimat in der Lüneburger Heide fand, bewahrte seine gesamte Kleidung über die Jahrzehnte hinweg penibel auf. Der Nachlass vereint mehr als 1000 Objekte aus sechs Jahrzehnten und dokumentiere „eindrucksvoll deutsche Alltagsgeschichte des 20. Jahrhunderts”, betonen die Kuratoren der Ausstellung. Die ältesten Kleidungsstücke stammen aus den späten 1930er Jahren, die jüngsten erwarb Alice Schmidt kurz vor ihrem Tod 1983. Ihr Ehemann Arno starb 1979. Bei dem Nachlass handle es sich um eine Art „Kleiderschrank der Nachkriegszeit und jungen Bundesrepublik”, so das Museum. Die Sammlung reicht von Wäsche und Wintermänteln bis hin zu Schuhen und Accessoires.

Die Ausstellung der Arno-Schmidt-Stiftung, die in Zusammenarbeit mit dem Bomann-Museum in Celle entstand, geht im Tim der Frage nach, welche Kleidung die Menschen in der Bonner Republik trugen und welchen Wert die Stücke für sie besaßen. Acht biografische Stationen berichten in der Ausstellung zudem vom Leben der Schmidts. Am 18. Januar 1914 kam Arno Schmidt in Hamburg zur Welt und zog als Jugendlicher mit seiner Familie nach Schlesien um. 1937 heirateten er und Alice Murawski, Jahrgang 1916. Die beiden hatten sich als Angestellte einer Textilfabrik kennengelernt. 1949 erschien mit „Leviathan” Schmidts Prosadebüt. Die Radikalität seiner Werke machte ihn in den 1950er Jahren zu einem ebenso gefeierten wie umstrittenen Autor. Die Schmidts wohnten von 1958 an bis zu ihrem Tod im kleinen Heidedorf Bargfeld bei Celle.

Geflicktes, Umgearbeitetes und kuriose Kleiderspenden aus Amerika

Weitere acht Stationen widmen sich dem eigentlichen Wert der Kleidung: So zeugen sorgfältig geflickte, umgearbeitete oder zweitverwertete Kleidungsstücke von der Bedeutung jedes einzelnen Gegenstands für die nach dem Krieg mittellosen Flüchtlinge.

Ein aus Wolldecken genähter Morgenmantel, Shorts, die aus Zeltbahn gefertigt wurden, und mehrfach geänderte, der Mode angepasste Kleider illustrieren, wie kostbar jedes Einzelstück war. Kleiderspenden aus Amerika, geschickt von Arno Schmidts Schwester Lucy Kiesler, waren eine große Hilfe. Sie muten aber auch kurios an, wie ein roter Pillbox-Hut oder farbenfrohe Krawatten, die Arno Schmidt nie trug.

Später lebten die Schmidts bescheiden, aber ohne wirtschaftliche Not. Sie bestellten häufig Kleidung im Versandhandel. Die Kataloge hatten auch Bedeutung für Arno Schmidts Werke: Er nutzte die abgebildete Mode gern als Inspiration für die Bekleidung seiner Protagonisten.

Die Ausstellung ist noch bis zum 13. Oktober zu sehen. In einer begleitenden Veranstaltungsreihe lesen Prominente aus verschiedenen Werken Arno Schmidts. Unter anderem die Schauspieler Corinna Harfouch und Oliver Nägele sowie der Literaturwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma, der auch den Vorsitz der Arno Schmidt Stiftung innehat. Alle Informationen dazu unter timbayern.de.

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